Essay Zum Thema Mensch Und Technik

von Erhard Eppler Erhard Eppler, 60, ist Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission. Er war von 1968 bis 1974 Bundesminister für wissenschaftliche Zusammenarbeit und bis 1981 Landesvorsitzender der baden-württembergischen SPD. *

Durch nichts läßt sich Herrschaft bequemer festigen und ausüben als durch falsche Alternativen. Wo die Leute sich um Kaisers Bart zanken, auf raffiniert falsche Fragen notwendig falsche Antworten geben, zur Entscheidung stehende Fragen gar nicht erkennbar werden, weil sie durch den Streit um Scheinalternativen zugedeckt werden, da läßt sich's trefflich herrschen.

Wer freut sich wohl darüber, wenn heute so getan wird, als müßten sich jetzt die Freunde der Technik mit deren Feinden raufen, damit uns eine neue Steinzeit erspart bleibe? Gut, es mag ein paar Wirrköpfe geben, die ihren Unmutsgefühlen gegen das, was auch sie "die Technik" nennen, freien Auslauf lassen. Aber sie sind selbst bei den Grünen eine Minderheit, und in der Sozialdemokratie habe ich noch keinen gefunden. Der Mensch ist das Lebewesen, das ohne Technik nicht überleben kann. Das war schon zu Zeiten von Keule und Steinbeil so, und es wird nie anders sein. Es kam nicht von ungefähr, daß lange Zeit technische Neuerung gleichgesetzt wurde mit Fortschritt.

Aber eben: Es geht nicht um die Technik. Es geht darum, wie aus immer neuen und immer vielfältigeren technischen Möglichkeiten ausgewählt wird, welche der möglichen Techniken wir wollen, und vor allem: wer darüber bestimmt. In unseren Tagen wird entschieden, ob technische Weichenstellungen politisch entscheidbar werden oder ob sie lediglich eine Frage optimaler Kapitalverwertung bleiben. Das Exempel, an dem dieser wichtigste Machtkampf innerhalb unserer Gesellschaft ausgetragen wird, ist vorläufig die Energiepolitik. Das ist nur der Anfang, aber ein wichtiger Anfang.

Man kann natürlich argumentieren, die wissenschaftlich-technische Entwicklung sei nun einmal ein autonomer Prozeß, an dem niemand etwas ändern könne und auch nicht solle, zu allerletzt die Politik. Das war die gängige Weisheit bis in unsere Tage, zumindest bis zu dem Tag, an dem der US-Kongreß das Überschall-Reiseflugzeug von Boeing einfach verbot. Auch politische Abstinenz ist Politik.

Nicht-Politik hat politische Folgen. Hielte Politik sich aus allen Fragen der Technik heraus, sie würde vollends degenerieren zum Vollzugsorgan von Sachzwängen, die scheinbar ganz unpolitisch produziert werden. Politik hätte für die jeweilige Technik lediglich "Akzeptanz" zu vermitteln, also den Leuten klarzumachen, warum dies alles so sein müsse und gar nicht anders sein könne und warum jeder, der dies nicht glaube, ein Narr oder ein Systemveränderer sei. Politik hätte die Infrastruktur für die jeweilige Technik bereitzustellen oder durchzupauken, also nicht nur, wie bisher, die Autobahnen, Teststrecken und Unfallkrankenhäuser, sondern die Verkabelung der Republik oder den Sicherheitsapparat für die Plutoniumgesellschaft. Und gegen jeden Widerstand stände das Totschlagsargument des Sachzwangs parat.

Politische Entscheidungen, so sie diesen Namen noch verdienten, wären dann wohl sachgemäßer durch Computer als durch Parlamente zu treffen. Oder wie Ulrich Beck formuliert: "Die Dauerveränderung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche wird im Rechtfertigungsmantel des technisch-ökonomischen Fortschritts vorprogrammiert ... im Widerspruch zu den simpelsten Regeln der Demokratie ..."

"Das Unbehagen an der Politik", meint Beck, "ergibt sich erst in dem Mißverhältnis zwischen offizieller Handlungsvollmacht, die sich politisch gibt und ohnmächtig wird, und einer Breitenveränderung der Gesellschaft, die entscheidungsverschlossen auf den leisen, aber unaufhaltsamen Sohlen des Unpolitischen daherkommt." Oder anders: Solange Politik hinnimmt oder gar verficht, daß technische Weichenstellungen nicht Sache der Politik seien, entmündigt sie sich selbst und verkommt zum Laientheater mit geltungssüchtigen Spielern, von denen jedermann weiß, daß sie ihre Texte nicht selber schreiben.

Wenn wir das scheinbar Unpolitische nicht als Aufgabe von Politik begreifen, wird das angeblich Politische furchtbar unpolitisch. Politik schnurrt vollends zusammen zur Verwaltung von Zwängen, die andere auslösen. Entweder die Politik packt es, sich in das als unpolitisch Deklarierte einzuschalten, oder sie kann einpacken. Umgekehrt: Will Politik, wie es sich gehört, das Zusammenleben in der Polis gestalten, und zwar nach den Maßstäben, die von der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gesetzt werden, dann wird Technik zur politischen Aufgabe.

Im Irseer Entwurf für ein neues SPD-Grundsatzprogramm heißt es: _____" Technische Entwicklung ist kein autonomer, " _____" unabänderlicher Prozeß. Technik ist interessengeleitet, " _____" geprägt durch Wertsysteme, maßgeblich bestimmt durch " _____" Verflechtung in internationale Konkurrenz, abhängig vom " _____" Stand des Wissens über die Folgen. In ihrer Wirkung auf " _____" Gesellschaft ist Technik nicht neutral Unterschiedliche " _____" Techniken verstärken oder verringern - weitgehend " _____" unabhängig von den Absichten ihrer Anwender - " _____" Umweltbelastung Unfallgefahren. Sicherheitsaufwand, die " _____" Notwendigkeit zu Zentralisierung und Kontrolle. " _____" Da es mehr technische Möglichkeiten gibt, als " _____" verwirklicht werden, wird in jedem Fall zwischen " _____" Alternativen ausgewählt. Weil es dabei auf die Kriterien " _____" der Auswahl und die Interessen der Auswählenden ankommt, " _____" ist die Gestaltung von Technik eine politische Aufgabe " _____" hoher Dringlichkeit. "

Wie aber wäre diese "politische Aufgabe hoher Dringlichkeit" anzupacken? Wann, wo und wie könnte ein politischer Entscheidungsprozeß einsetzen? Wann ist es zu früh, wann zu spät dazu?

Muß es immer so sein, daß eine Technik erst ein Vierteljahrhundert nach ihrer Einführung ins Gerede kommt? Ist es unausweichlich, daß man erst Dutzende von Atomreaktoren baut und plant, ehe man über die Folgen und Gefahren gründlich nachdenkt? (Die Bestimmungen über Entsorgung von Atomkraftwerken wurden 1976 [!] ins Atomgesetz eingefügt.) Müssen die Politiker aller Couleur so lange hinter einem Atompapst wie Wolf Häfele dreinlaufen, bis mehr als sechs Milliarden Mark für den Brüter verpulvert sind? Reinhard Ueberhorst, einstmals verdienstvoller Vorsitzender der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags zur zukünftigen Kernenergiepolitik, hat darüber wohl am gründlichsten nachgedacht. Ueberhorst greift Häfeles Theorie von den vier Schwellen auf, die bei "jeder großen technischen Entwicklung" überwunden werden müßten: die der physikalischwissenschaftlichen, der technisch-industriellen, der wirtschaftlich-kommerziellen Durchführbarkeit und last, not least die der öffentlich-gesellschaftlichen Akzeptierung. Schwellen sind dazu da, daß sie überschritten werden, und zwar von denen, die wissen, wohin sie wollen. Alternativen, ein anderer Wille, der Dialog zwischen Gleichberechtigten, sind da nicht vorgesehen.

Politik kommt für Häfele nur da ins Spiel, wo die Industrie Risiken finanziell nicht abzudecken bereit ist - da sind öffentliche Gelder erwünscht -, vor allem aber da, wo die Akzeptanz für eine Sache "hergestellt" werden soll, zu der es schon deshalb keine Alternativen gibt, weil darüber nie nachgedacht wurde.

Für Ueberhorst kommt alles darauf an, daß methodisch gleichwertige Alternativen zur politischen Entscheidung stehen, also nicht einzelne Produkte der Technik, sondern die technisch-ökonomischen Systeme, die sich aus ihnen ergeben. In der Enquete-Kommission waren es nicht die Atomkraftwerke, sondern die verschiedenen "Energiepfade", also die verschiedenen Zukünfte, die sich abzeichnen, je nachdem, ob wir auf Atomenergie und Schnelle Brüter setzen

oder auf Energiesparen, fossile und schließlich erneuerbare Energieträger. Gerade damit hat die Kommission die Nutzung einer Energiequelle offiziell zum Politikum erklärt, die bis in die siebziger Jahre hinein geflissentlich als Nicht-Politikum, als reines Expertenthema für Atomphysiker und Energieprognostiker gehandelt worden war.

Wo es um verschiedene Zukünfte geht, kommen Wertungen ins Spiel. Und da ist Politik zuständig, so sie ihren Namen verdient. Wollen wir ein höheres Sozialprodukt auf Kosten von wachsenden Ängsten und immer engmaschigerer Überwachung? Trauen wir es uns zu, mit Energie so sparsam umzugehen, daß wir ohne Atomenergie auskommen?

Auch wo politische Alternativen erarbeitet werden, bedarf es wissenschaftlichen Sachverstands. Nur wenn alternative Szenarien stichhaltig und in sich schlüssig sind, können sie dem standhalten, was in den Forschungsabteilungen der Konzerne vorbereitet wird.

Wo Technik zum politischen Thema wird, brauchen wir über die Meinungsfreiheit hinaus die Meinungserarbeitungsfreiheit, damit wissenschaftlich Fundiertes aufgeboten werden kann, wo Interessenten mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit operieren. Und der Staat hat die Pflicht, die Meinungserarbeitungsfreiheit dadurch zu gewährleisten, daß er verschiedene wissenschaftliche Ansätze finanziert und sie schließlich sogar miteinander ins Gespräch bringt.

Damit ist auch klar, daß es um öffentliche politische Diskussion, nicht um Verwaltung geht. Nicht Oberregierungsräte sollen am Schreibtisch über technische Einzelprojekte entscheiden, sondern demokratische Willensbildung soll an einigen entscheidenden Punkten Weichenstellungen vorbereiten und erzwingen. Was bei der Atomtechnologie um Jahrzehnte zu spät kam, soll künftig, etwa bei der Gentechnik, einigermaßen rechtzeitig geschehen.

Da zieht der Einwand nicht, es gebe ja schon die Technikfolgenabschätzung, jenes traditionelle technology assessment das schon seit 1973 beim US-Kongreß angesiedelt ist. Sicher kann jene Einrichtung, die heute unter der Abkürzung TA läuft, auf Entscheidungsspielräume und Entscheidungsnotwendigkeiten aufmerksam machen, aber wer zum Beispiel präventive Umweltpolitik, die ökologische Erneuerung unserer Wirtschaft betreiben will, wird mehr brauchen, als was TA bisher liefert: systemare Alternativen etwa für die Bereiche Verkehr, Chemie oder Landwirtschaft, die dann die öffentliche Diskussion anregen.

Auch mit dem Einwand, schließlich sei Technik international und wir hätten uns im Weltmarkt zu behaupten, läßt sich unser Thema nicht beiseite schieben. Hat man uns nicht immer wieder gesagt, wir müßten in die Atomtechnik einsteigen, weil wir sonst eine phantastische Chance auf den Märkten der Welt verspielten? Heute wissen wir, daß noch kein Exportgut zu einer solchen Serie von Pleiten geführt hat wie die Atomkraftwerke (Iran, Brasilien).

Im übrigen: Die großen Erfolge im Export reifen da, wo wir nicht andern hinterherlaufen, sondern wo wir die Nase vorn haben. Und da der ökologische Umbau von Industriegesellschaften keine Marotte dieser Republik bleiben wird, dürfte die dazu passende Technik neue Exportchancen öffnen.

Der politische Streit könnte schon bei den Kriterien der Auswahl beginnen. Lange Zeit gab es nur eines: die ökonomische Verwertbarkeit. Natürlich gingen in dieses Kriterium andere ein: Was nicht zuverlässig war, allzu viele Unfälle produzierte, ließ sich auf Dauer auch nicht vermarkten. Der Irseer Entwurf nennt einige andere Gesichtspunkte: Technische Innovation "soll Arbeit humanisieren, Gesundheit fördern, die Zahl der Unfälle mindern, pfleglichen Umgang mit Natur, Rohstoffen und Energie ermöglichen". Vor allem soll sie *___die Ausübung von Grundrechten nicht gefährden, sondern ____erleichtern und fördern, *___Räume zur Entscheidung über persönliche Lebensführung ____öffnen oder offenhalten, *___überprüfbar und revidierbar sein, damit Alternativen ____realisierbar, neue Entwicklungswege gangbar bleiben, *___fehlerfreundlich sein, also nicht den fehlerfreien ____Menschen verlangen.

Technik soll also demokratiefreundlich sein, künftige Generationen möglichst wenig binden - und natürlich auch nicht gefährden. Vor allem aber darf Technik nicht nur von perfekten Menschen bedienbar sein.

Hier berühren wir ein Thema, das in der Theorie von den Christdemokraten besetzt ist. Sie pochen, wann immer sie feierlich werden, auf ihr christliches Menschenbild, das sie von allen andern unterscheide.. Zu diesem Menschenbild gehört - so jedenfalls aus der Bibel zu entnehmen - nicht nur der fehlbare, irrende, versagende, durchdrehende sondern auch der sündige, zum Bösen, also etwa zur Zerstörungswut fähige, ja dazu neigende Mensch.

Wäre dies alles nicht nur fürs Schaufenster, so müßten gerade Christdemokraten an Techniken zweifeln, die ganze Kontinente gefährden, wenn irgendwo ein paar Menschen so sind, wie sie nach Meinung der Bibel immer waren und immer sein werden. Ich nehme an, daß die Unionsparteien in den nächsten Jahren immer hartnäckigere Fragen aus den Kirchen zu hören bekommen: Wie ist das nun mit eurem christlichen Menschenbild, gilt es nur da, wo es euch oder gar euren Lobbies in den Kram paßt? Ist der neue, ganz andere Mensch nur dann ein Unsinn, wenn revoltierende Studenten ihn beschwören?

Wenn es stimmt, daß Politik sich dem Thema Technik stellen oder zur Lächerlichkeit verkommen muß, dann wäre die nächste Frage, wer dies wohl am ehesten begreift. Der herkömmliche Liberalismus ist dazu denkbar ungeeignet, ganz gleich von welcher Partei er propagiert wird. Wer an die letztlich immer wohltätigen Wirkungen des Marktes glaubt und überzeugt ist, daß der Markt immer auch die Techniken hervorbringt, die mit den schlimmen Wirkungen technischer "Entwicklung" fertig werden, Technik also ihre Probleme immer selber löse, der bietet den Menschen nicht mehr an als ein Arzt, der gegen die bösen Nebenwirkungen jedes Medikaments immer wieder ein neues verschreibt.

Ich fürchte, die politische Rechte in unserem Land wird sich gegen einen Begriff von Politik wehren, ihn als Systemveränderung abtun, der technische Weichenstellungen nicht nur einschließt, sondern sie zur Voraussetzung jeder Politik erhebt, sofern sie nicht zum Straßenkehrer einer "Entwicklung" werden will, die jenseits aller Politik beschlossen und eingeleitet wird.

Vielleicht stehen wir wirklich vor einer Systemveränderung und zwar in jedem denkbaren Fall: Entweder wir tun nichts, wir sitzen das Thema aus, dann wird unsere Demokratie zunehmend zur Farce. Wenn wir das angeblich Unpolitische nicht als eminent politisch erkennen, wird das, was sich als Politik ausgibt, unpolitischer Vollzug. So war unsere Verfassung nicht gemeint.

Oder wir trauen uns ein paar wichtige technische Weichenstellungen zu. Dann wird Politik mehr sein, als sie in den Vorstellungen der Verfassungsväter gewesen sein mag. Dann verlagert sich gesellschaftliche Macht aus Vorstandsetagen in die Arena politischer Diskussion. Dann wird Demokratie lebendig, spannend.

Hier liegt eine (oder die?) Chance der Sozialdemokraten. Was da zu tun ist, kommt ihrer Tradition, ihrem Verständnis von Politik entgegen. Hier geht es um eine Form von Demokratisierung, deren Notwendigkeit auch Menschen einleuchtet, die nicht im sozialdemokratischen Umfeld geboren wurden. Und hier ist eine Aufgabe, der sich auch die Gewerkschaften nicht entziehen können. Denn sie haben längst zu spüren bekommen, was es heißt, wenn Technik nur dem Kriterium der Kapitalverwertung folgt. Nein, die Sozis haben ihre historische Mission noch längst nicht hinter sich. Sie müssen es nur merken. Möglichst alle.

Von Erhard Eppler

Heute habe ich meine Zusage für die Lernwerkstatt Technikkommunikation bekommen. Veranstalter sind Wissenschaft im Dialog und acatech. Ich freue mich sehr darauf und bin gespannt wie das Ganze organisiert sein und wer alles dabei sein wird. Teil der Bewerbung war ein Kurzessay zum Thema „Fracking, Grüne Gentechnik, Hochspannungsleitungen und Co. – Was kann Technikkommunikation zu kontroversen Themen leisten?“. Ich hatte vorher noch nie ein Essay geschrieben (und muss mich ständig zusammen reißen nicht das mir geläufigere Assay zu schreiben). Aber jetzt ist es ja nun eimal da. Und da ich gerade kränkelnd unleidlich bin, und keine Muße für einen neuen Artikel habe, kann ich das Essay ja auch gleich noch hier einstellen. Ich hoffe es gefällt euch.

 

Fracking, Grüne Gentechnik, Hochspannungsleitungen und Co. –

Was kann Technikkommunikation zu kontroversen Themen leisten?

ein Kurzessay von Claudia Davenport

Der Meinungsaustausch gehört zum modernen Menschen, denn der Mensch ist ein kommunikatives Wesen. Meinungsaustausch gab es schon in früher Vorzeit. Sei es ein philosophischer Diskurs im alten Griechenland, eine öffentliche Versammlung oder eine Talkshow.

Die Kommunikation mit Mitmenschen beherbergt neben der offensichtlichen sozialen Komponente auch die Kraft, Dinge zu bewegen und zu verändern. Das Höhlengleichnis fordert ein kritisches Hinterfragen des Wahrnehmbaren und beschrieb schon damals das Wesen aller Forschung. Öffentliche Versammlungen sind ein wirksames Mittel um – bei entsprechender Größe – politischen Druck zu erzeugen und Themen mitten in die Bevölkerung zu tragen. Aktuell werden auf diese Weise Fragen des Umweltschutzes, der Gleichberechtigung und der Asylpolitik öffentlichkeitswirksam behandelt. In Talkshows wird wiederum Politikern die Möglichkeit gegeben, ihre Position zu relevanten Themen zu erläutern.

Dabei hat sich die Art und Weise des Meinungsaustauschs gerade in den letzten Jahren rapide gewandelt. Durch die breite Nutzung des Internets aus Informations- und Diskussionsplattform ist es jederzeit möglich sich zu allen denkbaren Themen zu informieren und seine Meinung zu verbreiten. Es nicht mehr nötig, auf der Straße für seine Interessen einzutreten. Warum auch, wenn man das auch bequem vom Sofa aus machen kann? Die neuen Medien haben dabei geholfen, dass wir selbstbewusster geworden sind. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen allein auf Expertenmeinungen zu vertrauen.

Diese Veränderung kommt nicht ohne Probleme. Denn der Mensch ist außerdem auch ein emotionales Wesen. Dadurch erfährt die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen schnell eine starke Emotionalisierung. Neben politischen Themen, sind besonders auch wissenschaftlich kontroverse Neuerungen in ihrer Diskussion emotional aufgeladen. Egal ob es um Fracking, Grüne Gentechnik oder Hochspannungsleitungen geht. Eine unemotionale Auseinandersetzung fällt dem eben emotionalen Wesen Mensch schwer.

Den neuen Medien fällt dabei eine entscheidende Rolle zu. Da wir uns ohne weiteres selbst informieren können, entsteht schnell das Gefühl selbst zum Experten zu mutieren. Man muss ja nur ausreichend viele Online-Artikel zum Thema gelesen haben. Dadurch steigt die Gefahr, sich durch sein eigenes fundiertes Halbwissen blenden zu lassen. Denn kaum jemand lässt sich freiwillig, von einer initial getroffenen Meinung abbringen. Es fällt dabei leicht, Artikel zu finden, die die eigene Meinung stützen. Häufig sind diese Artikel aber in ihrer Darstellung nicht ausgewogen oder frei von Emotionen. Eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema kann so nur schwer stattfinden.

An dieser Stelle kann Technik- und Wissenschaftskommunikation einen wertvollen Beitrag zur weiteren Aufklärung leisten. Auch wenn jeder Mensch zu kontrovers diskutierten Themen eine persönliche emotionale Meinung mitbringt, hat der Wissenschaftsjournalist hinter dem Menschen die Verantwortung entsprechende Themen unemotional und ausgewogen zu präsentieren. Im Idealfall erhält er seine Informationen direkt aus dem Forschungsumfeld, vielleicht bringt er sogar eine entsprechende wissenschaftliche Vorbildung mit, um die verschiedenen Argumente richtig durchdenken und anschließend präsentieren zu können. Technikkommunikation hat die Aufgabe beim Prozess der Auseinandersetzung mit kontroversen Themen begleitend zu unterstützen. Die Darstellung des jeweiligen Themas sollte nicht nur oberflächlich, lediglich gestützt durch Sekundärquellen, erfolgen. Technikkommunikation hat die einmalige Chance aktuelle Erkenntnisse aus Wissenschaft und Technik direkt und ungefärbt weiterzugeben. Gleichzeitig darf sie aber nicht zu trocken und übermäßig gespickt mit Fachtermini daherkommen, nur um die eigene Kompetenz zu untermauern. Die größte Hürde, die hier genommen werden muss, ist die Gratwanderung, die erfolgt, wenn man komplizierte technische Themen möglichst allgemein verständlich machen möchte. Genau das kann gute Technikkommunikation leisten: Wissenschaft einfach zu erklären.

Veröffentlicht von Claudia Davenport

www.vonmenschenundmaeusen.de/

Claudia Davenport hat in Potsdam und Hannover Biochemie studiert und promoviert mittlerweile über Insulin-produziernende Surrogatzellen aus embryonalen Stammzellen zur Behandlung des Diabetes Typ 1. Wenn sie gerade mal nicht im Labor am Durchbruch arbeitet, der die Welt verändern wird, ist sie gerne im Grünen, radelt durch die Gegend oder geht Kaffee trinken.

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